Politische Erfahrungen

Meine Erfahrungen in der Politik 

Das „politische Handwerk“ habe ich, wenn ich genau darüber nachdenke, in der Schülervertretung gelernt. Jedenfalls stand ich zum ersten Mal als Klassensprecher, später dann als Schülersprecher in einer Wahl, die beide erfolgreich ausgingen. Die eigentliche Arbeit begann dann – wie ich rasch merkte – nach der Wahl.

Bald hinzu trat dann mein Engagement in der Friedens- und Umweltbewegung. Ich war Aktiver in einer örtlichen Umweltinitiative gegen den Bau einer Brücke über das Ruhrtal (wie es ausging sehe ich heute, wenn ich über die Brücke fahre, naja) und in der Ostermarsch-Bewegung im Ruhrgebiet oder in den Koordinierungsausschüssen der Bewegung gegen die Stationierung von Atomraketen in Europa.

In die SPD bin ich 1978 eingetreten, und zwar nicht, weil ich fand, dass alles in dieser Partei perfekt war, sondern weil ich sie verbessern wollte. Ist man erst einmal dabei, dann merkt man, dass alles langsamer geht als man dachte, aber auch, dass sich vieles gemeinsam bewegen lässt: in einer Partei wie der SPD, genau so wie in einem kleinen Stadtrat, dem ich als sachkundiger Bürger alsbald angehörte.

Die Jusos wurden dann über viele Jahre meine politische Heimat und sind bis heute einer meiner wichtigsten Erinnerungsorte.

Das politische Amt, das mich jedoch am meisten prägte, scheint mir der Vorsitz in meinem damaligen Ortsverein gewesen zu sein. Eine politische Gemeinschaft aus 180 Menschen zusammen zu halten, neue Mitglieder aufzunehmen, gestorbene Mitglieder auf einem letzten Gang zu begleiten, Freude und Leid, Erfolge und Misserfolge mit anderen zu teilen, das kann man natürlich auch woanders erleben. Doch ich finde, dass jeder der eine gesellschaftliche Verantwortung übernimmt, diese eigene Erfahrung mit bringen sollte, egal wo er sie gemacht hat.

In der SPD wurde ich irgendwann stellvertretender Bezirks- und Landesvorsitzender. Hier wurde die Luft schon dünner, zumal weil ich diese Ämter neben meinem Beruf ausgeübt habe. Doch habe ich hier viel gelernt.

In den nordrhein-westfälischen Landtag bin ich letzten Endes eher durch einen Zufall geraten: Der damalige Ministerpräsident Wolfgang Clement ging völlig überraschend nach Berlin, und ich war derjenige, der als nächster auf der „Nachrückerliste“ stand. Die Entscheidung „nachzurücken“ fiel mir nicht leicht, weil ich inzwischen mitten im Berufsleben stand und Sorge hatte, dorthin nicht so leicht zurückkehren zu können, wenn es mit der Politik mal vorbei sein sollte. Den entscheidenden Rat gab mir Johannes Rau. Also ging ich in den Landtag und blieb dort, länger als ursprünglich erwartet, über acht Jahre lang. Meine Erfahrung als Parlamentarier: ohne Ideen und Leidenschaft geht es nicht – ohne handwerkliches Können aber auch nicht. In anderen Worten: Praktische Politik lässt sich nicht studieren, aber sie lässt sich erlernen.

Und für ganz wichtig halte ich noch zwei Dinge: Erstens: Verlieren lernen! Ich halte nur diejenigen Politiker fähig für andere Verantwortung zu übernehmen, die wissen, wie es sich anfühlt, auch einmal bei einer Wahl selbst verloren zu haben. Nicht nur, weil man lernt, wieder aufzustehen sondern gerade auch weil, man umsichtiger wird beim Durchsetzen der eigenen Ansprüche und Interessen. Rücksicht zu nehmen auf andere, Scheitern und Niederlagen nachempfinden können, lernt man leider am besten am eigenen Leibe.

Zweitens: Persönlich unabhängig bleiben! Man sollte jederzeit der Politik den Rücken kehren können, sich beruflich nicht von ihr abhängig machen. Das hat mir sehr geholfen als ich im Landtag war und als ich den Landtag 2010 verließ.

2015 wurde ich Vorsitzender der Bochumer SPD. Ehrlich gesagt: Ich hatte es mir schwieriger vorgestellt, und es ist schöner als ich dachte. Denn die Bochumer SPD ist ein wunderbarer Haufen, der unglaublich vielfältig und interessant, bunt und abwechslungsreich, selbstbewusst und selbstkritisch und natürlich auch anstrengend ist. Wenn es drauf ankommt, raufen wir uns immer zusammen. Darauf ist Verlass – oder etwas pathetischer und in Latein gesagt, für jeden von uns gilt: „Teneo quia teneor“ – ich halte stand, weil ich gehalten werde!

Nun vertrete ich den Wahlkreis Bochum II/108 (soll heißen: das Ehrenfeld und Eppendorf, den Bochumer Süden und Südwesten) im Düsseldorfer Landtag. Der Strukturwandel verbindet hier eine große Vergangenheit mit einer viel versprechenden Zukunft. Daran möchte ich gern mitwirken.

Mit einem herzlichen Glückauf grüßt Sie

Ihr

Karsten Rudolph